Die Studie „Hitzetaugliche Wohngebäude“ untersucht, wie Wohngebäude – insbesondere Bestandsbauten – auch bei zunehmenden Hitzetagen im Sommer komfortabel bleiben können, ohne auf aktive Kühlungsmaßnahmen wie Klimaanlagen zurückzugreifen. Besonders Low-Tech-Lösungen, die über ihren gesamten Lebenszyklus hinweg nachhaltiger sind, wie Nachtlüftung, Free-Cooling und automatisch gesteuerte Verschattung, gewinnen zunehmend an Bedeutung.

Foto inkl. WärmebildkameraausschnittDie Studie zeigt, welche baulichen Merkmale den sommerlichen Komfort in Bestandsgebäuden besonders beeinflussen, etwa Fenstergröße und -typ, thermische Sanierungsmaßnahmen und Verschattung. Konkret wurden für 6 Wochen im Sommer Messwerte in einem Zimmer eines Wiener Bestandsgebäudes messtechnisch überprüft und erfasst. Dabei wurden verschiedene Komfortdimensionen wie z. B. thermischer Komfort, visuelle Qualität, Raumluftqualität und auditiver Komfort anhand einer Beurteilungsmatrix analysiert. Auf Basis dieser Messungen und zusätzlicher Computersimulationen mit dem Programm IDA ICE wurden verschiedene Szenarien untersucht – auch im Hinblick auf zukünftige Klimabedingungen (2050, 2100 sowie +1,5 °C und +3 °C Erderwärmung). Die Methode zur Beurteilung des Komforts im Sommer lässt sich auf Bestandsgebäude unterschiedlicher Jahrzehnte übertragen und ist grundsätzlich auch im denkmalgeschützten Gebäudebestand anwendbar.  

Durch die Kombination von Messergebnissen und Simulationen in der Studie konnten die tatsächlichen Komfortbedingungen in Innenräumen gut beurteilt werden. Es zeigte sich, dass das Verschattungsverhalten in der Praxis an die Außenklimabedingungen und Hitzeperioden angepasst wird und auch abhängig von der Dauer der Hitzeperiode unterschiedlich gehandhabt wird. Zugunsten einer höheren Raumluftqualität (also verstärkter Fensterlüftung), aber auch aufgrund nachlassender Motivation sowie zugunsten eines höheren Tageslichtangebots wird oft vom optimalen Lüftungs- und Verschattungsverhalten abgewichen. Das Potenzial der Nachtlüftung wird nur selten genutzt, vor allem aus organisatorischen Gründen, beispielsweise durch fehlende Zuständigkeiten für die morgendliche Frischluftzufuhr. Zusätzlich ist Fensterlüftung oft mit hoher Lärmbelastung durch Straßenverkehr verbunden. Insgesamt entstehen Zielkonflikte zwischen thermischem Komfort, Raumluftqualität, Tageslicht und Lärmbelastung, die das Nutzungsverhalten maßgeblich prägen. Die Studie empfiehlt deshalb klare organisatorische Abläufe, Verantwortlichkeiten bzw. Selbstorganisation (z. B. für das Öffnen der Fenster am Morgen) und technische Unterstützung – etwa Anzeigen für Innen- und Außentemperaturen oder Luftqualität. Bewusstes Verhalten der Bewohner*innen, insbesondere beim nächtlichen Lüften und rechtzeitigem morgendlichen Verschatten, spielt eine zentrale Rolle für den thermischen Komfort.

Wärmebildkamera-Aufnahme In der Studie werden auch konstruktive Maßnahmen bzw. bauliche Faktoren wie Fassadenfarbe, Orientierung, Verschattung und Wärmedämmung zur Vermeidung sommerlicher Überhitzung in Wohngebäuden untersucht. Helle Fassaden reduzieren die Wärmeaufnahme deutlich gegenüber dunklen Oberflächen, während außenliegende Verschattungen die Oberflächentemperaturen besonders wirksam senken – um bis zu 15 °C. Auch die Orientierung der Fassaden beeinflusst den Wärmeeintrag und das Raumtemperaturverhalten. Wärmedämmung verbessert zwar den winterlichen Wärmeschutz, kann im Sommer jedoch zu erhöhter Wärmespeicherung führen. Der Einfluss von Dämmstärke und Lage der Dämmung ist dabei vergleichsweise gering. Besonders wirksam für den sommerlichen Komfort sind erhöhte Nachtlüftung sowie außenliegender Sonnenschutz, der die Raumtemperaturen deutlich reduzieren kann. Außenliegende Sonnenschutzsysteme sind wesentlich effektiver als innenliegende – mit Temperaturreduktionen von bis zu 6,8 °C. Ein hoher Fensteranteil erhöht die Überwärmungsgefahr deutlich, besonders in gut gedämmten Neubauten oder Holzbauweisen, während die Art der Verglasung einen geringeren Einfluss hat.

Aussenfassade und Fensterfront eines ZiegelbausEin zentrales Problem laut der Studie ist, dass viele Maßnahmen zwar theoretisch wirksam sind, in der Praxis aber nicht konsequent umgesetzt werden. So verhindern soziale und organisatorische Faktoren oft das gewünschte Verschattungs- und Lüftungsverhalten. Außerdem zeigt die Studie: Wenn nur die Temperatur optimiert wird, leidet häufig der restliche Komfort – etwa durch fehlendes Tageslicht und schlechtere Luftqualität.

Die Ergebnisse zeigen, dass durch richtiges Lüftungs- und Verschattungsverhalten, bewusste thermische Sanierungsmaßnahmen und kluge Materialwahl auch in Zukunft ein hoher Wohnkomfort erreichbar ist – selbst in Gründerzeitbauten und denkmalgeschützten Gebäuden, ohne klima- und energiepolitischen Zielen zu widersprechen. Die Studie liefert eine Grundlage für bewusste und nachhaltige Anpassungsstrategien an den Klimawandel und dient als Orientierung für die Bevölkerung, Bauträger*innen und Planer*innen.

 

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© Fotos: Bild 1 u. 2: IBO – aus der Studie "Hitzetaugliche Wohngebäude", Bild 3: Dula Feichter 

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